Diese Meldung hat die Anarcho-Syndicalist Federation (ASF-IWA) am 12.03.2025 veröffentlicht:
Amazon Flex hat Auslieferungsfahrer*innen gekündigt ohne Details zu ihren angeblichen Verstößen gegen die Firmenpolitik zu nennen.
Mohammad, ein ehemaliger Fahrer für Amazon-Flex [Gig-Work-Plattform zur Auftragsvermittlung für den Lieferdienst Amazon Prime Now], hat seinen Lebensunterhalt verloren und kann seine Familie nicht mehr versorgen, weil Amazon behauptet, er habe „Paketauslieferungen falsch gehandhabt“. Andere Fahrer*innen beklagten, dass Pakete auch beschädigt worden sein können, bevor sie sie überhaupt bekommen haben.
Mohammad hat seit etwa neun Monaten für Amazon Flex als Auslieferungsfahrer gearbeitet. Nun wurde ihm gesagt, dass sein Zugangskonto ab sofort gesperrt werde, weshalb er keine weiteren Arbeitsaufträge mehr von der Firma bekommen kann. Er war am Boden zerstört, da er von Amazon als einzige Einkommensquelle anhängig geworden ist, um sich, seine Frau und sechs Kinder zu versorgen. Ein manchen Wochen hatte er bis zu 2.000 AUD [etwa 1.100 EUR] verdient, doch er berichtet, dass seit rund fünf Monaten seine Schichten gekürzt wurden:
„Wenn du anfängst, geben sie dir die ganze Zeit Schichten, damit du fast Vollzeit arbeitetst und alle anderen möglichen Einkommensquellen aufgeben musst. Aber sobald du abhängig von ihnen bist und verzweifelt jede angebotene Schicht übernimmst, dann kürzen sie dich auf durchschnittlich 3-4 Schichten pro Woche. Das ist Freund*innen von mir passiert, die ebenfalls als Amazon-Flex-Fahrer*innen arbeiten.“
Als Antwort auf die Kleingewerbe-Schlichtungsstelle (Small Business Ombudsman) hat Amazon behauptet, dass Mohammads Vertrag aufgrund von vier Beschwerden gekündigt wurde. Zwei davon wegen des Werfens von Paketen, eine wegen des Abwerfens eines Paketes an einer Wohnungstür wodurch ein lauter Knall verursacht worden sei und eine Beschwerde, weil er ein Paket im Regen hinterlassen haben soll. Amazon sagt, sie hätten Mohammad eine Möglichkeit zum Widerspruch gegen jede Beschwerde gegeben, aber er hätte dies erst nach der Kündigung in Anspruch genommen.
Doch die E-Mails, die Mohammad zur Zeit dieser Vorfälle bekommen hat, beinhalten nur fast gleichlautende, vorformulierte Stellungnahmen, dass er „ein Paket geworfen oder falsch behandelt“ haben soll, ohne jedoch weitere Details zu nennen.
Außerdem hat Mohammad am 24.11., nachdem er benachrichtigt wurde, dass er „ein Paket geworfen oder falsch behandelt“ haben soll, bei Amazon nachgefragt von welcher Adresse die Rede sei, welche Beweise sie hätten und ob der Gegenstand beschädigt worden sei. Außerdem teilte er mit, er könne sich nicht daran erinnern ein Paket geworfen zu haben. Ohne auf seine Fragen einzugehen antwortete Amazon: „Wir stellen fest, dass Sie keinen Einfluss auf die Situation hatten. Dieser Vorfall wird nicht in Ihrem Fahrtenbuch erfasst werden.“
Doch Amazon nahm den Vorfall vom 24.11.2024 in Mohammads Fahrtenbuch auf und benutzte das Ereignis, um die Kündigung seines Vertrages zu rechtfertigen. Hinzu kommt, dass Amazon in der Antwort an die Kleingewerbe-Schlichtungsstelle nun sogar behauptete, es handele sich bei dem Vorfall darum, dass „ein Paket bei der Auslieferung im Regen stehen gelassen und dadurch die Verpackung beschädigt wurde“. Diese Information wurde Mohammad vorher nie mitgeteilt, wobei er sich daran erinnern kann, dass es an dem Tag der Auslieferung nicht auf das Paket geregnet hatte als er es ablegte.
Mohammad stellte weitere Fragen und bestritt die anderen angeblichen Vorfälle direkt als sie stattgefunden haben sollen. Er fragte, um welche Kund*innen und Andressen es sich bei den Beschwerden handele, was ihm aber aufgrund von Datenschutz verweigert wurde.
Nachdem er am 17.12.2024 die Kündigung erhalten hatte, antwortete er mit einer Erklärung bezüglich zwei anderer angeblicher Vorfällen vom 10.10., bei denen er davon ausging, dass es sich um nur eine*n Kund*in gehandelt haben könnte. In dieser Situation soll er auf einen Stein getreten sein, was der*die Kund*in mittels Videoaufzeichnung belegen würde.
Den Antworten von Amazon auf die vier Widersprüche von Mohammad nach seiner Kündigung fehlte es komplett an irgendwelchen Details oder Versuchen auf seine Bedenken einzugehen. Sie enthielten nur förmliche Texte dazu, dass Amazon seine Informationen erhalten habe und dass ihre ursprüngliche Entscheidung bestätigt würde.
Die Antworten von Mohammad an Amazon wurden immer verzweifelter. Am 05.01.2025 erklärte er ihnen, dass er sechs Kinder zu versorgen habe und 49.000 AUD [etwa 28.000 EUR] für einen Transporter bezahlt habe, mit denen er für Amazaon Flex ausliefert. Er hatte den Lieferwagen bereits im Dezember gekauft, bevor er die Kündigung bekommen hatte. Und er erinnerte sich daran, dass einige der Kisten in einer Tasche feucht gewesen waren. Mit anderen Worten, er hat die Kisten nur ausgeliefert und das ist ohne sein Zutun passiert, denn einige Kund*innen bestellen Lieferungen von Flüssigprodukten, die nicht immer fest verschlossen sind.
In einem Thread bei der Social-Media-Webseite Reddit zeigt sich, dass die „Bemessung der Misshandlung von Paketen“ durch Amazon von vielen anderen Lieferfahrer*innen als ungerecht angesehen wird. Sie heben hervor, dass die Pakete bereits im Lagerhaus grob behandelt werden sein könnten, bevor sie die Fahrer*innen überhaupt bekommen.

Mohammad bettelte darum, dass Amazon ihm erlaube an einem Training teilzunehmen und ihn wieder anzustellen. Doch er bekam nur eine weitere förmliche Antwort, dass Amazon beschlossen habe, seine Kündigung zu bekräftigen. Caspar Cumming, ein Mitglied der ASF Melbourne South, sagt dazu:
„Mohammad erzählte mir, dass er ungefähr 10.000 Pakete für Amazon ausgeliefert hat seit er für sie arbeitete. Und dass er seit seiner Kündigung kaum noch über die Runden kommt. Solch ein Verhalten eines multinationalen Unternehmens, welches Milliarden Dollar verdient und in Australien kaum oder keine Steuern zahlt, sollte alle schockieren, denen etwas an Arbeiter*innen liegt. Und unsere Mitglieder werden das nicht tatenlos mitansehen.
Wie Mohammad die ganze Zeit während dieses Prozesses behandelt wurde, entbehrt jeglicher Verfahrensgerechtigkeit, da ihm Details zu den angeblichen Vorwürfen vorenthalten wurden und da sich Amazon weigerte sinnvoll auf seine Erklärungen zu antworten. Was den Vorfall mit dem „lauten Knall“ angeht, von dem Mohammad nach mühsamen Widersprüchen gegenüber Amazon erst durch die Kleingewerbe-Schlichtungsstelle erfahren hat, so könne es sich nur darum handeln, dass ein*e Kund*in ein lautes Geräusch gehört hat – falls das überhaupt stimmt. Doch das könnte durch alles Mögliche verursacht worden sein, daunter auch sein Dieselfahrzeug als er weggefahren ist, wie Mohammad hervorhebt.„
Amazon hat noch Zeit bis 24.03.2025, um Mohammad mitzuteilen, dass er wieder eingestellt wurde. Oder wir werden diese Sache weiter öffentlich unter Amazon-Arbeiter*innen, Kund*innen und der Allgemeinheit verbreiten.
Kontakt: caspar.cumming@gmail.com ([+61] 0421 755 688)
Quelle:
https://asf-iwa.org.au/amazon-flex-driver-unfairly-terminated/
Übersetzung: ASN Köln (asnkoeln.wordpress.com)
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