Britannien: Organisierung von Pflege-Arbeiter*innen

Die Solidarity Federation in Manchester hat ein Flugblatt zur Organisierung von Pflege-Arbeiter*innen während der CoV-19-Pandemie veröffentlicht:

Als Pflege-Arbeiter*innen sehen wir uns derzeit großen Herausforderungen gegenüber. Wir waren bereits überarbeitet, risikobelastet und unterbezahlt bevor Covid-19 daherkam. Viele von uns erfahren nun einen massiven Umbruch in ihrem Arbeits- und Privatleben. Die Ausgangsbeschränkung hält uns davon ab, unsere Freund*innen und Kolleg*innen zu treffen. Und die Ansprüche, welche nun an das Nationale Gesundheitssystem (NHS), sowie an Pflegeheime und andere Arbeitsplätze gestellt werden, wurden rasant verstärkt und verändert. Daher fragen wir uns jetzt mehr denn je, was wir tun können.

Womit müssen wir uns auseinandersetzen?

Einige der Themen, die uns gerade beschäftigen, sind neu. Aber andere Probleme sind alt und wurden durch die aktuelle Krise noch verschärft.

N95-Atemschutzmaske

Persönliche Schutz-Ausrüstung (PSA)

Wenn dir bisher nicht klar war, wie wichtig eine Persönliche Schutzausrüstung ist, dann weißt du es wahrscheinlich inzwischen, denn diese wird jetzt dringend benötigt. Da dieses Coronavirus die Atemwege ansteckt, besteht das Risiko einer Übertragung, wenn du engen Kontakt mit jemandem hast (daher auch die Maßnahmen zum sozialen Abstand).

Dieses Ansteckungsrisiko ist steigt noch erheblich, wenn man mit Patient*innen arbeitet, die bereits Symptome zeigen. Und umso mehr, wenn deine Arbeit auch darin besteht, Handlungen vorzunehmen bei denen Aerosole entstehen, wie beim Freilegen der Atemwege oder beim Beatmen. Die dabei benötigte PSA wird nach Vorgabe der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und von „Public Health England“ (PHE) online genau beschrieben, je nach dem wo man arbeitet oder welche Tätigkeit ausgeführt wird. Die höchste und damit sicherste Schutzstufe einer PSA besteht aus Folgendem:

Handschuhe, Kittel (mit Arm- oder Beinabdeckung), FFP3-Maske und Gesichtsschutz

Jedes davon sollte nur einmal benutzt und nicht wiederverwendet werden. Es sind jedoch Kolleg*innen persönlich bekannt, die trotz der höchsten Risikostufe nicht die nötige Ausrüstung bekommen oder gebeten wurden, diese wieder zu verwenden, um Material zu sparen. Das ist enorm riskant und stellt für alle Beteiligten eine Gefahr dar, nicht nur für eine*n selbst, sondern auch für die eigene Familie und für andere Patient*innen, mit denen man Kontakt hat.

Was können wir tun?

Der erste Schritt besteht darin, herauszufinden welche PSA du genau benötigst, um sicher arbeiten zu können. Frage nicht deine Vorgesetzten, was sie davon halten, und vertraue nicht auf ihre Aussagen. Schau selbst im Internet nach und finde die entsprechenden Vorgaben. Oder frag deine Kolleg*innen, was sie erfahren haben. Sehr wahrscheinlich wird es verschiedene Meinungen und Erlebnisse geben, denn seit Beginn der Ausgangssperre hat es fast täglich neue Ratschläge gegeben. Daher ist es wichtig herauszufinden, was du und deine Kolleg*innen als Schutz benötigen.

Wenn es ein Problem gibt (und es werden bestimmt welche auftreten), dann macht das lieber gemeinsam zum Thema. Beginne erstmal mit deinen Kolleg*innen und diskutiere, wie wichtig es ist, das Management unter Druck zu setzen, um euch jetzt und in Zukunft mit der richtigen PSA auszustatten. Betont dabei, dass ihr als Arbeiter*innen ohne den nötigen Schutz möglicherweise nicht länger die Versorgung und den angemessenen Schutz der Patient*innen aufrechterhalten könnt. Hebt auch hervor, dass ein großes Risiko für euch und eure Liebsten besteht, denn es sind bereits Ärzt*innen und Pflegeassistent*innen während dieser Coronavirus-Pandemie gestorben. Das wäre nicht passiert, wenn wir von Anfang an mit dem nötigen Schutz ausgestattet worden wären.

Was können wir erwarten?

Das Management wird höchstwahrscheinlich versuchen eure Bedenken zu entkräften, indem es euch etwas von Materialknappheit oder „Anweisungen“ von oben erzählt. Und ihr werdet erstmal nicht bekommen, was ihr verlangt. Leider muss auch mit einiger Ablehnung oder Untätigkeit durch Kolleg*innen gerechnet werden. In der Pflege gibt es ja die unerfreuliche Tendenz einiger Arbeiter*innen, dass sie immer „einfach weitermachen“. Sie sind so sehr gewöhnt an all die Kürzungen, Unterbezahlung und Überstunden, dass dies nicht überrascht. Aber solche Einstellungen müssen infrage gestellt und so weit wie möglich überwunden werden.

Wie bekommen wir, was wir wollen?

Das Ergebnis hängt überwiegend von der Art deiner Arbeit ab, aber auch von den Kolleg*innen und Patient*innen, sowie vom Management usw. Als erstes muss darüber nachgedacht werden, wie man Druck aufbauen kann und was die Vorgesetzten am meisten wollen oder welche Mittel man einsetzen kann. Im Moment steht zwar die Aufrechterhaltung der Versorgung an oberster Stelle, aber wenn du und deine Kolleg*innen sich wegen der vorhandenen bzw. fehlenden Schutzausrüstung weiterhin Gefahren ausgesetzt seht, dann versucht diese Dienstleistung einzustellen.

Kundgebung SolFed-IAA

Das mag eine große Herausforderung sein und wird viele Diskussionen erfordern. Denn emotionale Erpressung ist eine jener Sachen, denen wir bei der Organisierung von Pflege-Arbeiter*innen oft begegnen: Von „Wer soll sich dann um die Patient*innen kümmern?“ über „Die Leute werden darunter leiden“ bis hin zu „Dabei könnte jemand sterben“. Aber denkt daran, dass dies eine absolut einzigartige Situation ist, die heutzutage bisher niemand jemals am Arbeitsplatz so erleben musste. Daher ist es sehr wichtig, dass wir versuchen solchen Meinungen und Einstellungen etwas entgegensetzen, die das Wohl der Patient*innen vor die Sicherheit der Arbeiter*innen stellen.

Denn wenn wir krank werden oder sterben, dann wird es niemanden mehr geben, der die nötige Versorgung übernimmt. Wir sind spezialisierte Arbeitskräfte und egal wie schlecht wir bezahlt oder behandelt werden, so kann man uns nur schwer ersetzen. Unsere Erfahrung und Ausbildung lehrt uns, dass wir für unseren eigenen Schutz sorgen müssen, wenn das Management erwartet, dass die Arbeit einfach weitergeht. Denn wir wissen alle, dass die nicht in der Lage oder nicht gewillt sind, das selbst zu erledigen…

Die Öffentlichkeit ist ein anderer möglicher Weg, um Druck auszuüben. Die meisten Organisationen, vor allem der Nationale Gesundheitsdienst, versuchen gerade krampfhaft so zu tun, als ob sie alles „unter Kontrolle“ hätten. Doch als Arbeiter*innen wissen wir, dass dies von der Wahrheit weit entfernt ist. Wenn du also der Meinung bist, dass das Veröffentlichen von Informationen über die gefährlichen Arbeitsbedingungen eurer Sache dienlich sein kann, dann finde einen Weg dafür. Aber achte darauf, dass dies so anonym wie möglich geschieht.

Und das Gesetz?

Da uns die Gesetze bisher nicht von großem Nutzen waren, so sind sie es heute erst recht nicht. Doch sie können trotzdem nützlich sein, wenn es darum geht Kolleg*innen zu überzeugen oder Druck auf das Management auszuüben. Es gibt verschiedene Vorschriften im Bereich der Sicherheit am Arbeitsplatz, zur Persönlichen Schutzausrüstung usw. Es macht zwar keinen Sinn, diese von vorne bis hinten auswendig zu lernen, aber es gibt einige Gesetzesstellen, die hilfreich sind, wenn man sie zitieren und bekannt machen kann (z.B. die Sektion 100 des britischen Arbeitsrechts von 1996). Im Wesentlichen werden davon jene Arbeiter*innen geschützt, die angesichts gefährlicher Situationen am Arbeitsplatz ihre Leistung zurückhalten [vgl. im deutschen Recht: §273 BGB, sowie BAG, Urteil vom 13.03.2008, Az.: 2 AZR 88/07]

Haltet zusammen und kämpft!

Wir müssen jetzt also anfangen für mehr und bessere Schutzausrüstung zu kämpfen, aber wir müssen uns auch um einander kümmern. Wir Pflege-Arbeiter*innen erleben eine sehr stressige und beängstigende Zeit, weshalb wir heute mehr denn je zusammenhalten müssen, sowie uns um uns selbst kümmern und gegenseitig bestärken. Dieses Thema können wir nicht wie bisher vernachlässigen, denn es geht hierbei nicht um Lohnkürzungen, eine unterbesetzte Schicht oder Mehrarbeit. Diesmal geht es um unser Wohlergehen, unser Leben und unsere Gesundheit. Wenn wir jetzt nichts dagegen machen, bekommen wir vielleicht keine zweite Gelegenheit mehr dazu.

Solidarity Federation Manchester (SF-IAA), 10.04.2020

Quelle: http://www.solfed.org.uk/manchester/care-worker-organising-in-a-pandemic

Übersetzung: Anarcho-Syndikalistisches Netzwerk – ASN Köln, https://asnkoeln.wordpress.com/

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